Der Denglische Patient - Wie die Finanzwelt die Deutsche Sprache verunglimpft

Deutschlands Geschäfts- und Finanzsprache hat sich zu einer kabarettreifen Mischung entwickelt. Sie besteht aus ungefiltertem Englisch, etwas Französisch, Latein und viel heißer Luft. Zur Verständigung mit den Kunden indes taugt sie nicht. Was dabei herauskommt, lesen Sie hier und in meinem Artikel vom 24. Januar diesen Jahres

Am 21. Februar war es wieder so weit: Der im Jahr 2000 von der Unesco initiierte Internationale Tag der Muttersprache verstrich erneut weitestgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das ist auch aus deutscher Sicht schade. Denn der schleichende Niedergang des Deutschen wird durch ein mit Anglizismen gespicktes Kauderwelsch beschleunigt. Dafür an vorderster Stelle mitverantwortlich ist die Finanzbranche. Online-Kunden plappern nach, was sie im Internet oder bei Bloomberg aufgeschnappt haben. Das kommt Anlageberatern entgegen, können sie während des folgenden Denglisch-Dialogs mit Kunden doch locker mithalten, weil die Zertifikate- und Fondsspezialisten ihrer Bank ihnen längst Begriffe wie Cap, Contango, Rolling Discount oder Outperformance eingebläut haben. Kunden haben zwar die Chance, deren Bedeutung zu hinterfragen; aber entweder trauen sie sich nicht, oder sie kapitulieren vor dem Dutzend weiterer Anglizismen, mit denen sie Cap, Contango & Co. erklärt bekommen.

Die Lust vieler deutscher Anleger - erst recht deutscher Berater und Analysten - auf angelsächsische Begriffe tut ein Übriges. Da präsentieren sie sich als Käufer an der Börse gern long, als Verkäufer short. Der Gewinn eines Unternehmens mutiert zu Ebit (Earnings before interest and taxes, also vor Zinsen und Steuern). Aus dem Chef wird der CEO (Chief Executive Officer). Ist ihm der Turnaround gelungen, startet seine Aktie eine Rally und wird zum Highflyer, während Insider ihre Directors’ Dealings veröffentlichen. Daraufhin stufen Researcher die Aktie als strong buy ein. Asset Manager, die bottom up vorgehen, übertreffen dank ihrer Performance aufgrund solcher Aktien die Benchmark, zumal die Investor-Relations-Abteilung des Unternehmens mithilfe von Spin Doctors aus der PR-Branche den Shareholder Value nach oben treibt und der Chart die Daytrader anlockt.

Die Kunden schalten ihre Ohren auf Durchzug

So weit ein Bruchteil sprachlicher Verrenkungen aus einer einzigen Sparte des Geldsektors, der Aktienbörse. Hinzu kommen Wortungeheuer aus der Fondsbranche (wie Total Expense Ratio, TER abgekürzt, oder Real Estate Investment Trust, als “Reit” ins Deutsche übertragen); aus der Vermögensverwaltung (wo reiche Kunden High Net Worth Individuals heißen und Superreiche Anspruch auf ein Family Office haben); aus dem Geschäft von Banken und Sparkassen (vom Retail und Private Banking bis zu M & A, einer Kurzform, die nur selten als Mergers & Acquisitions ausgeschrieben, geschweige denn als Fusionen und Übernahmen übersetzt wird). Die mit Anglizismen durchsetzte Fachsprache erstreckt sich über alles, was mit der Geldpolitik der Notenbanken zu tun hat, über Versicherungen, Zertifikate, Anleihen, Immobilien, Rohstoffe und Terminmärkte, über Hedgefonds und Private Equity, über eine so urdeutsche Einrichtung wie die Schufa, die Kreditnehmer mittels Scoring bewertet, bis hin zu den nicht minder urdeutschen Steuern, deretwegen der Fiskus dank Konten-Screening alle Bürger durchleuchten darf.

Also von wegen alles nur das Ergebnis der Scheinlogik von Verpackungskünstlern aus der Finanzbranche und der Lust ihrer Kunden auf Denglisch. Eine mindestens ebenso große Rolle spielt die Gedankenlosigkeit: Wenn man schon zu faul ist, sich um eine sinnvolle Übersetzung zu kümmern, bleibt es halt beim Scoring; Bewertung mag dafür als deutsches Wort ja nicht ganz zutreffend sein und Benotung zu oberlehrerhaft wirken, doch verständlicher wären beide Begriffe allemal. Und es bleibt beim Konten-Screening, weil Bezeichnungen wie Prüfung oder Kontrolle möglicherweise die letzten ehrlichen Steuerzahler außer Landes treiben könnten. Medien tragen zur Begriffsverwirrung bei. So halten es Fernsehkommentatoren von ARD und ZDF in ihrer Börsenberichterstattung nicht für nötig, in einem Nebensatz zu erwähnen, dass der Dax (ausnahmsweise kein angelsächsisch geprägter Begriff ) aus 30 führenden deutschen Aktien besteht; lieber bezeichnen sie diese als Blue Chips.

Finanzdienstleister sind als Letzte daran interessiert, ihren Kunden alles stundenlang zu erklären. Denn sie können ihnen in dieser Zeit nichts verkaufen; außerdem laufen sie Gefahr, offene und versteckte Kosten begründen zu müssen. Die seit November 2007 geltenden verschärften Regeln aufgrund der Umsetzung der EU-Richtlinie MiFID (Markets in Financial Instruments Directive) in deutsches Recht müssen sich erst noch bewähren. Sie verlangen allerdings nicht, dass Anlageberater Zinsen, Aktienkurse, Konjunkturen und Krisen vorhersehen sollen.

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Den kompletten Originalartikel gibt´s bei brand eins




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