Raucher, aufstehen!

Last update: Feb 26, 2008

Ich rauche. Und ich lasse mir das nicht verbieten. Ich rauche in der Regel tagsüber nicht, sondern vornehmlich Abends nach dem Essen, zum Wein oder wenn ich mal wieder bis spät in die Nacht am Computer sitze und schreibe. Früher habe ich wesentlich stärker geraucht und zwischendurch habe ich auch mal etwa drei Jahre lang nicht geraucht. Ich habe wieder angefangen, weil ich das Rauchen genieße. Ich bin so frei.

Soweit mein Eingangsgeständnis, das Kreuzzügler wider den Tabak in schiere Raserei versetzen wird. Ich habe das immer wieder erlebt. Der Furor ideologisch verbissener Nichtraucher rückt Menschen wie mich gelegentlich in die Nähe von Triebtätern. Diesen Satz schreibe ich nicht leichtfertig. Bekennende Raucher werden mitunter behandelt wie Dreck, Abschaum, Auswurf der Gesellschaft, der mit Flammenschwert vom Antlitz der Erde getilgt gehört.

Dennoch habe ich Verständnis für den Schutz von Nichtrauchern. Ich finde es richtig, dass Rauchen in Ämtern, in Bahnhöfen, in Schulen und an anderen Orten verboten wird, die Nichtraucher nicht meiden könnenund wo sie sich belästigt fühlen. Verquarzte Raucherabteile habe ich immer als grauenerregende Krebsstationen empfunden. Daher beführworte ich auch als Raucher stringente Nichtraucher-Schutzgesetze. Denn die Freiheit der Nichtraucher gilt es zu verteidigen. Sie war verletzt. Spätestens seit 1. Januar aber haben wir keinen Nichtraucherschutz, sondern eine mit Akribie und Perfidie in Szene gesetzte Raucher-Unterdrückung. Das ist keine Kleinigkeit, keine Übergangserscheinung einer zunehmend dem Gesundheitsschutz verpflichteten Gesellschaft. Das greift in die Grundrechte der Verfassung ein und es verletzt massiv die Würde des (rauchenden) Menschen. Das berührt nicht mehr nur Raucher, es muss auch politisch wache Nichtraucher empören.

Denn es geht um Freihei. Schon das von der EU oktroyierte Werbeverbot für Tabak ist ein flagranter Eingriff in die Freiheitsrechte. Jedes legale produkt muss auch beworben werden dürfen. Wird diese regel einmal durchbrochen, steht mehr zu befürchten. Und in Brüssel wird ja auch schon über mehr diskutiert. Dass aber Raucher keine Orte mehr haben, kein Restaurant, keine Kneipe, keine Bar, wo sie leben dürfen, wie sie wollen, überschreitet das Erträgliche. Die Gesetze sind absichtsvoll so schikanös konstruiert - Raucherkneipen sind ganz verboten, eventuelle Raucherstuben müssen kleiner sein als die Nichtraucherräume, sie dürfen keine Durchgangszimmer zu Toiletten oder Küchen sein, sie müssen abgeschlossen und speziell entlüftet sein -, dass sie auf ein effektives Rauchverbot in Gaststätten hinauslaufen. Das Verbot, Restaurants und Kneipen durch ein Schild am Eingang als Rauchergaststätten zu kennzeichnen und jedem Nichtraucher offen zu lassen, ob er sie dennoch betreten möchte, halte ich für unerträglich. Und für verfassungswidrig.

Raucher sind eine Minderheit, zugegeben. Nicht mehr als ein Drittel der Deutschen raucht. Das erklärt den Opportunismus und die Prinzipienlosigkeit der Politik, keine Hand zu rührenfür den Schutz der Rechte. Aber es entschuldigt nicht die Feigheit gegenüber dem bedingungslosen Herrschaftsanspruch notorischer Volkserzieher und Denunzianten. Freiheit steht nicht ganz oben auf der Werteskala der Deutschen. Die lieben eher Sicherheit. Jedenfalls in ihrer großen Mehrheit. Deshalb muss Freiheit erkämpft werden, gerade wenn es die Freiheit der anderen, einer Minderheit, ist.

Ich fühle mich an die Prohibition erinnert, das Alkoholverbot der 20er Jahre in den USA: Rauchen nur noch im kriminellen und halbkriminellen Milleu. Oder unter menschenverachtend demütigenden Bedingungen: in der Kälte unter heizpilzen, in Zelten und Hütten vor Kneipentüren oder in verseuchten Kabinen in Büros und Flughäfen, die den Anschein erwecken, sie sollten den ersticken, der sie betritt. Verfassungsbeschwerden und Volksbegehren werden nun vorbereitet gegen die neuen Gesetze. Vordergründig geht es um die gekennzeichnete Raucherlokale und die Existenz von Wirten, in Wahrheit aber um die Freiheit - von allen. Raucher, aufstehen!

Hinweis: Ich muss an der Stelle gestehen, dass der Artikel nicht von mir stammt. Im Original wurde er von Hans-Ulrich Jörges geschrieben und in der Ausgabe 51/2007 des “STERN” veröffentlicht. Ich fand ihn allerdings so treffend, dass ich ihn größtenteils übernommen und nur an wenigen Stellen für mich passend umgeschrieben habe.



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